Vorwinterabend

Ein Vorwinterabend
alles wirkte grau und wesentlich. 
Herbst klammerte sich, zitternd noch 
an einige Äste.
Hatte kein Wetter,
weder Nebel noch Nässe
am ehesten Dunst.
Luft war jene Kälte, die 
von Flocken, Frost und Spiegeln spricht.

Die Welt ganz wenig weit:
Farben hielten sich bedeckt 
waren schüchtern, unaufdringlich.
Es gab Rede vom Sterben, aber
kühl stand ein lichtes Leben 
wie aufgewacht, etwas frierend 
nicht mehr betäubt von Farbenbrunst…

Der umgedrehte Atem 
unseres Dampfes war
die Stimme dieser Stunde.
Blaue Lippen 
schwiegen die Wahrheit
und alles spricht.

Worte vom Fernweh


So stand ich da, mit stauned jungen Augen
und off'nem weit weit off'nem Herz
Im Kornfeld war es wie ein Raunen
und in mir wie ein neuer März

Obgleich schon Spreu viel in die Winde
trägt Wind nicht meinen Aufbruch fort
und hinter Horizonten finde -
ich immer immer neues          Wort


Der Arbeiter

Ich habe den Staub vom Fenster gekratzt. Gleich mit dem Ärmel, ohnehin alles verstaubt. Da hat sich der Schleier ein wenig gelüftet und kurz schien das Leben herein.  Ich hab die Brillengläser abgepustet und die Vision wurde klarer:
da rief ein ganzes schönes Leben - rief alle - konnte von allen gehört werden
...aber Ich sah keinen hinaus laufen.



Die Mühle

Eisblumen am Stromkasten, aber er sieht es nicht.
Der Himmel muss herrlich rot sein, dem Lichte nach, aber er sieht nicht auf.
Er starrt auf seinen Finger: im Spanngurt eingeklemmt - grotesk zerdrückt.
Er spürt keinen Schmerz, dafür sind die Finger viel zu kaltgefrohren.
Nur der Finger; es könnte schlimmer um ihn stehen.
Komisch denkt er: viele der Zimmerleute um mich müssen ganz taubgefrohren sein.
Spüren nichts. Nichts von den grotesken Eindrücken die die Mühle ihnen in den Leib stampft.
Einige werden schwachsinnig gemahlen.
Aber die anderen stellen ja auch nicht die richtige Frage.
Und die Mühle bekommt weiter ihr Futter...





Die Frau von Gleis 9


 Der Mann sieht auf die Uhr, wirft die Stirn in Falten. Von unserer Position aus können wir die Uhr nicht sehen, aber sagen wir einmal es sei viertel nach 11.
Viertel nach 11 ist eine gute Zeit, und der Mann sieht aus wie ein Mann, bei dem es gerade viertel nach 11 ist.
Er steht recht dicht am Bahnsteigrand, sieht aber nicht eben wie jemand aus, der sich unvorsichtig oder gar töricht verhalten würde.
Er steht an Gleis 13. Dieser Umstand ist ein wenig seltsam, denn man würde ihn - das stimmen sie mir doch zu? - nicht für einen von Gleis 13 halten.
Die Züge auf Gleis 13 sind unbequeme Züge... nein, Gleis 13 ist gar kein gutes Gleis für ihn. Sperren wir doch einfach Gleis 13, es ist sicher zum allgemeinen besten.
Die Durchsage über die Sperrung seines Gleises, dem damitigem Verbleib aller entsprechender Züge außerhalb des Bahnhofgebäudes und des ersatzlosen Ausfalls der Befahrung dieser Strecken, scheint dem Mann zu stören....
Wie schwer kann es schon sein, zu akzeptieren, das Gleis-13-Züge in diesem Bahnhof nicht erwünscht sind? ...selbst wenn er ein Gleis-13-Mensch gewesen sein sollte...

Er ist natürlich kein Mann, der den Bahnhof, dieser Banalität wegen - denn anders kann man den Ausfall dieser Züge nicht bewerten: banal ...er ist niemand, der deswegen den Bahnhof meiden würde.
Verwunderlich ist allerdings, das er so oft - stets freundlich und höflich, aber das macht es nicht minder lästig - kleine aber bestimmte Beschwerden, das Gleis 13 betreffend, einreicht.
Nachdem aber das einzig richtige geschieht, die Beschwerden nämlich unbeachtet bleiben, liegt es also an dem Mann nun endlich wieder klar zu kommen.
Von den vielen Bahnsteigen probiert der Mann also auch tatsächlich den ein oder anderen aus. Fährt ein, zwei Stationen in eine Richtung, und sodann, mit der selben Linie wieder in den Bahnhof zurück. Aber die Einfahrt in den Bahnhof mittels anderer Gleise scheint ihm nicht zuzusagen.
Wie schwer kann es denn sein, sich einmal, mit einem, auch nur einem einzigen Gleis zu arrangieren?!

Gleis 10: der Mann sieht auf die Uhr, wirft die Stirn in Falten. - So sehen Menschen aus, die Zweifel an der Stimmigkeit des Fahrplans haben.
Natürlich steht er da völlig falsch. Falsche Zeit, falscher Ort. Dabei ist es doch so einfach! ...stehen doch alle Fahrplanänderungen groß angeschlagen in der Haupthalle.
Er ist wirklich besser, der neue Fahrplan. Und ist es etwa mein Versäumnis, dass er sich dem neuen Fahrplan (über den er sich ja jeder Zeit informieren könnte) nicht anpasst?
Jetzt blickt er auf. Sieht mich auf Gleis 9. Er lächelt. Er will zu mir, durch die Unterführung, auf meinen Bahnsteig.
Aber die Unterführung ist gesperrt. Sagen wir bis gegen 12.
Der Aushang über die einstweilige Sperrung und die damit einhergehende Unerreichbarkeit des Gleises 9, welche momentan gegeben und welche voraussichtlich bis ungefähr gegen 12 andauernd, scheint den Mann zu verwirren. Er schaut auf seine Uhr: viertel nach 11.
Das ist eine vernünftige, eine angemessene Zeit ... das wird mir sicher jemand bestätigen können.
Aber der Mann versteht es nicht. Wie kann es immer noch... war er nicht inzwischen mehrerer Strecken gefahren und wie kann es dann.. immer noch?!
Er stellt sich dicht ans den Bahnsteigrand. Will einfach durch das Gleisbett zu mir laufen. Ich halte ihn noch einmal auf. Doch dann lässt er sich nicht mehr aufhalten, tritt über das erste Eisen...
Fahrplanänderung. Zug 13: Gleis 10, Zug 9: Gleis 9, Vorsicht bei der Einfahrt.
Der Mann erbleicht. Ruft noch etwas - wird nicht mehr gehört.

Als die Züge das Gleisbett zwischen beiden Bahnsteigen wieder freigeben, ist von dem Mann nichts mehr zu sehen.
Ich weiß nicht ob er es geschafft hat, bin dem nie nachgegangen.
Wenn ja, ist er wohl mit der 13 abgefahren und wird nicht wieder in den Bahnhof kommen ...die 13 hält hier nicht.
Schade. Ich hatte ihn gemocht - meinen Gleiszehn-, Elfuhrfünfzehn-Mann.




Stille Zeitenwallung


Das Wasser macht Kopfsprünge ans Land.
            Bricht sich was...
Wie unbelehrbare Kinder
            - lustig weiter.
Die Erwachsenen sehen das nicht.
            Stehen vielleicht schon zulange drin.
Glauben sie haben Recht wenn sie Wellen
            "zerschlagen" nennen.

...das die Wogen das Land nicht besitzen bleiben
            ist nur die halbe Wahrheit.
Was fühlst du unter den Füßen?
            - aber du Trägst ja Schuhe




Hauptbahnhof

Über mir spannt sich ein Bogenhimmel
Lichterbahnen.
Und eingepfercht in der Hallenweite
stehen Dranggestalten
geduckt, eingefroren, wartend -
auf den Impuls,
der die Gewalten schienwärts  presst.